Inspirationsquellen für Spieler

Manchmal – eigentlich sogar immer –  ist es hilfreich, wenn Spieler eines historischen Rollenspielsettings schon bevor sie in ihre Rollen schlüpfen, besser: bevor sie ihre Charaktere erstellen, einen Eindruck davon bekommen, welche Möglichkeiten die entsprechende Epoche bietet. Wie gestaltet sich das alltägliche Leben zu dieser Zeit? Wie bestreiten die Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten ihren Lebensunterhalt? Welche Handlungsoptionen bieten sich? Welche Verpflichtungen haben sie? Welche Rechte können sie in Anspruch nehmen? Müssen kulturelle Besonderheiten beachtet werden?

Natürlich wäre es eine Möglichkeit, die Spieler mit entsprechender Fachliteratur oder zumindest Auszügen aus ebensolcher als Spielhilfen zu versorgen. Eine weitere Möglichkeit, das learning by doing in einer bestimmten Kultur zurechtzukommen, wurde bereits im letzten Post „die Antike – eine fremde Welt“ vorgestellt. Diese Variante kann aber nicht allzu häufig eingesetzt werden und sie eignet sich auch nur für eine bestimmte Sorte Szenarien. Daher soll es hier nun um eine dritte Option gehen: Das Lernen über kurzweilige Unterhaltung. Dazu kommen vor allem Filme und Serien in Frage, aber auch historische Romane bieten sich an. Nicht zuletzt will ich hier auch populärwissenschaftliche Literatur erwähnt wissen, da sie meistens sehr viel spannender zu lesen ist, als die akademische Fachliteratur.

I. Filme und Serien

Im Bereich der audiovisuellen Medien gibt es aus den letzten Jahren glücklicherweise einige Produktionen, die Spielern zur Einstimmung auf eine Invictus-Runde empfohlen werden können. Besondere Erwähnung verdient sicherlich die von HBO und BBC produzierte Fernsehserie „Rome“ (USA/UK, 2005-2007). Die Geschichte um den Centurio Lucius Vorenus und seinen Freund Titus Pullo, die beide im ersten vorchristlichen Jahrhundert in die Ereignisse rund um den Zusammenbruch der Römischen Republik hineingezogen werden, bietet einen Einblick in römische Kultur und den Alltag, wie er zuvor noch nie im Fernsehen zu sehen war. Anders als in der bis dahin besten TV-Serie, die im alten Rom spielte, „I, Claudius“ (UK, 1976), gibt es in „Rome“ auch Eindrücke vom Leben außerhalb der hohen Politik, dem Leben in der dreckigen Großstadt – aus patrizischer, wie auch aus plebeischer Perspektive. Mag man es etwas pulpiger, epischer oder brutaler, so könnte auch die jüngere Produktion „Spartacus“ (USA, 2010-heute) etwas für die Spieler einer entsprechenden Runde sein.

Für eine militärisch-geprägte Kampagne hingegen – insbesondere, sofern sie in Britannien spielen soll – bieten sich vor allem eine Reihe von Spielfilmen zur Einstimmung an. Neben dem in drastischen Bildern gezeichneten „Centurion“ (UK/F, 2010) empfiehlt sich auch „Der Adler der Neunten Legion“ (USA, 2011), der auf einer Geschichte von Rosemary Sutcliff basiert. Einen deutlich zivileren Eindruck – allerdings vom Rande des Reiches und schon aus der Spätantike – können die angehenden Mythos-Ermittler gewinnen, wenn sie sich den Film „Agora“ (Spanien, 2009) zu Gemüte führen. Zuletzt darf natürlich auch der Klassiker unter den modernen „Sandalenfilmen“ nicht vergessen werden: „Gladiator“ (USA, 2000), der sich aber nur mit einer sehr eng umrissenen Thematik beschäftigt und daher unbedingt durch weiteres Material ergänzt werden sollte.

Von der älteren Generation an Historienspielfilmen, zu der zum Beispiel „Spartacus“ (USA, 1960), „Ben-Hur“ (USA, 1959) oder „Cleopatra“ (USA, 1963) gehören, halte ich zur Vorbereitung einer Invictus-Runde hingegen weniger – ohne die schauspielerische Leistung einiger großer Stars der damaligen Zeit (Kirk Douglas, Charlton Heston, Elisabeth Taylor) schmälern zu wollen. Die amerikanischen Produktionen aus den 50er und 60er Jahren stammen aber leider noch aus einer Zeit, in der historische Akkuratheit (besonders in der Austattung) klein geschrieben wurde. Daher würden sie Spielern nur ein sehr verzerrtes Bild der römischen Antike liefern.

II. Historische Romane

Die zweite große Quelle der Inspiration nach den audio-visuellen Medien ist mit Sicherheit die (Unterhaltungs-)Literatur. Nicht nur, das hier oft die Ursprünge der Geschichten zu finden sind, die oben bereits in Filmform empfohlen wurden (neben „The Eagle of the Ninth“, 1954, von Rosemary Sutcliff wäre zum Beispiel auch noch Robert Graves‘ „I, Claudius“, 1934, zu erwähnen) – nein, man findet auch eine ganze Reihe an weiteren (originellen) Geschichten, die es – aus welchen Gründen auch immer – noch nicht auf die Leinwand geschafft haben, oder nie schaffen werden.

Einer der ersten zu erwähnenden Autoren aus diesem Bereich ist Robert Harris, der insbesondere mit seinen Bänden „Imperium“ (2006) und „Lustrum“ (2009, dt.: „Titan“) hervorsticht. Seine Erzählung der Geschichte M. Tullius Ciceros wird weithin hoch gelobt; sie bedarf jedoch noch eines Abschlusses. Neben Harris hat sich in jüngster Zeit dann vor allem Simon Scarrow als Erzähler antiker Stoffe hervorgetan. In bereits elf Büchern schickt er seine Protagonisten Cato und Macro auf Abenteuerreise durch das Römische Reich des ersten Jahrhunderts nach Christus. Leider ist die Übersetzung ins Deutsche bei dieser Serie unvollständig, wodurch die Lektüre des englischen Originals quasi Pflicht wird. Neben der Cato-Macro-Buchreihe, die sich an Erwachsene richtet, hat Scarrow zudem eine weitere Reihe begonnen, die eher auf ein jugendliches Publikum zielt: „Gladiator: Fight for Freedom“ (2011) und „Gladiator: Streetfighter“ (2012) erzählen die Geschichte des jungen Marcus, der versklavt und zum Arenakämpfer ausgebildet wird. Der erste Band dieser Erzählung ist auch schon auf Deutsch erschienen. Etwas älter, aber vielleicht insbesondere für die Spieler ermittelnder Charaktere interessant, ist die Krimi-Reihe „SPQR“, in der John Maddox Roberts seit 1990 in inzwischen 13 Bänden seinen Helden Decius Caecilius Metellus auf die Jagd nach Mördern schickt.

Aufgrund der allgemeinen Beliebtheit der Antike bei Autoren lässt sich natürlich noch eine Unmenge weiterer Literatur finden, wie bereits ein flüchtiger Blick in die entsprechende Rubrik bei Amazon.de bestätigt. Leider ist die Qualität der meisten Veröffentlichungen aber durchwachsen. Oft recherchieren Autoren nicht sorgfältig genug – oder es passiert das Gegenteil: ein enthusiastischer Fachmann nimmt sich des Schreibens von Romanen an, ohne allerdings das sprachliche Talent dazu zu besitzen. Dementsprechend wichtig ist es, sich im Vorfeld sorgfältig zu informieren, oder sich selbst ein Urteil zu bilden.

III. Populärwissenschaftliche Bücher

Den Abschluss dieses kleinen Einblicks in mögliche Inspirationsquellen für angehende Cthulhu Invictus-Spieler bildet ein kurzer Ausflug in die Sachbuchecke. In den letzten Jahren hat sich hier einiges getan und die an eine breite Leserschaft gerichtete, unterhaltsame Vermittlung von Sachinformationen hat sich einen legitimen Platz neben dem akademischen Austausch unter Experten erobert. An dieser Stelle können nur einige wenige Beispiele vorgestellt werden, die aber besonders gelungen sind.

Die mit ganz großem Abstand unterhaltsamsten Sachbücher zur römischen Antike hat bislang wohl Philip Matyszak verfasst. Sein Buch „Legionär in der römischen Armee – Der ultimative Karriereführer“ (eng.: „Legionary: The Roman Soldier’s (Unofficial) Manual“, 2009) lässt sich leicht und schnell mit großem Gewinn lesen. Ein ganz ähnliches Büchlein ist zudem bereits für den Beruf des Gladiators erschienen (Gladiator: The Roman Fighter’s (Unofficial) Manual, 2011). Darüber hinaus sollte man sich seinen Reiseführer „Rom für 5 Denar am Tag“ (2007) nicht entgehen lassen. Den Alltag in der ewigen Stadt stellt auch Alberto Angela in den Mittelpunkt seines Buchs „Ein Tag im Alten Rom“ (2009). Hier sollte man aber Vorsicht walten lassen, denn eigentlich ist der Autor (renommierter) Paläontologe – was ihn dazu veranlasst hat, sich zwischenzeitlich nun ausgerechnet der Antike zu widmen, bleibt trotz (kurzer) Recherche leider ein Rätsel.

Eher für den Spielleiter als Nachschlagewerk eignet sich Karl-Wilhelm Weebers „Alltag im Alten Rom“, das ursprünglich in zwei Teilen (Das Leben in der Stadt, 1995, Das Leben auf dem Land, 2000) erschienen ist. Leider ist der Band zum Landleben derzeit verlagsseitig nicht mehr zu bekommen. Eventuell wird man aber auf Flohmärkten oder in Antiquariaten fündig. Weiterhin erhältlich, mindestens ebenso spannend und wieder mehr etwas für die Spieler selbst ist Weebers Band „Nachtleben im Alten Rom“ (2004), der besonders hilfreich sein dürfte, wenn es Abenteuer in den Schatten der Stadt, etwa im Rotlichtmilieu oder unter Ganoven, zu erleben gibt.

Natürlich ist die hier vorgestellte Liste von Inspirationsquellen bei weitem nicht vollständig. Vielleicht habe ich auch ein ganz besonders gutes Werk übersehen. In einem solchen Fall wäre ein kurzer Hinweis (etwa über die Kommentarfunktion) sehr hilfreich. Allerdings hoffe ich dennoch, einen ersten Einblick in die Möglichkeiten gegeben zu haben, die man als Spieler und Spielleiter hat, sich in das antike Rom hinein zu versetzen – auf das der lovecraftsche Horror dort Einzug halten möge!


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