Lovecraft und die Antike (II)

Obwohl Lovecraft schon als Kind von griech-röm. Mythologie begeistert war (vgl. Lovecraft und die Antike I) gingen noch Jahrzehnte ins Land bis er dieses Interesse erstmals literarisch verarbeitete – und zwar zunächst im schon vorgestellten „Poetry and the Gods“ (1920). In dieser Frühphase seines Schaffens verzichtete Lovecraft dabei noch auf die Verbindung der antiken Themen mit Elementen, die auf seinen späteren „Cthulhu Mythos“ hinweisen könnten. Erst 1923 bzw. 1926 änderte sich dies. In seinen Erzählungen „The Rats in the Walls“ (1923) und „The Descendant“ (1926) wird die antike Kultur endlich zu einem Teil des kosmischen Schreckens.

In der zuerst aufgezählten Geschichte bildet der antike Hintergrund der in Britannien gelegenen Exham Priory ein wesentliches Plot-Element, mit dem der unsägliche Prolog gewisser grauenhafter Geschehnisse in der Gegenwart hervorgehoben werden soll. So sei die Priorei auf einem Fundament gebaut, welche römische und noch ältere Stilmerkmale erkennen ließe; und im Rahmen der Erkundigungen über den nächsten Ort Anchester betont der Autor weitere antike Fakten: So gebe es Gerüchte, dass hier ein uralter druidischer Kult mit der Verehrung der dunklen, römischen Magna Mater vereinigt worden sei. Der Kybele-Kult war von römischen Legionären nach Britannien gebracht worden. Schon allein der Umstand des hohen Alters des Ortes beschert dem neugierigen Käufer des Ortes einen „thrill“. Er schwärmt von den gut erhaltenen Bögen und Mauern im klassischen Stil sowie den erhaltenen Inschriften (die, wenn man sich ein wenig mit dem lateinischen auskennt, alle religiöse Themen zu behandeln scheinen). Die Erwähnung der Göttin Atys lässt den Besitzer erzittern, denn von dieser Figur und ihrem dunklen Kult hatte er schon bei Catull gelesen. Später wird er sogar noch größere römische Ruinen finden… und uralte Geheimnisse, in denen die römische Periode Britanniens eine unrühmliche Rolle spielt.

Ein ganz ähnliches Motiv findet sich auch in der zweitgenannten Erzählung: Lord Northam, ein stiller, unscheinbarer, weltflüchtiger Mann wird von seinem Nachbarn Williams eines Tages mit einem Exemplar des Necronomicon konfrontiert, woraufhin der Lord die Geschichte seiner ältesten Vorfahren zu erzählen beginnt, die aus der Zeit stammen, in der Britannien römisch besetzt gewesen ist. Er berichtet von seinem ältesten bekannten Ahnen Gnaeus Gabinius Capito, einem Militärtribunen der Legio III Augusta (?), der von seinem Kommando entbunden worden war, nachdem man ihn der Teilnahme an merkwürdigen Riten überführt hatte, die mit keiner bekannten Religion in Verbindung gebracht werden konnten. Capito habe zudem Umgang mit den Angehörigen eines seltsamen Volkes gehabt, dass einst von einem inzwischen untergegangenen Kontinent im Westen gekommen sei (dabei handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um eine Anspielung auf Atlantis.) Dieses Volk sei des Älteren Zeichens kundig gewesen – ein klares Zeichen auf die Kenntnis vom und die Verbindung zum Mythos um Cthulhu, die anderen großen Alten, usw. Capito habe, so deutet die Geschichte weiter an, dem erwähnten Kult eine Zuflucht geschaffen, indem er über den von diesem genutzen Höhlen an der Küste von Yorkshire eine Festungsanlage habe errichten lassen. Seit dieser Zeit existiere das Geschlecht, aus dem später die Barone von Northam hervorgegangen seien – unmissverständlich wird hier angedeutet, dass das Haus nicht unwesentlich von der Zusammenarbeit mit dem geheimnisvollen Kult profitiert habe.

Man kann an diesen beiden Erzählungen vor allem zweierlei vom großen Autor aus Providence lernen: Erstens, dass die Antike grundsätzlich als Hintergrund in Cthulhu-Geschichten und damit auch -Abenteuern taugt und zweitens, dass es schon allein an diesen beiden Stellen im Mythos Anknüpfungspunkte gibt, die Geschichte um die Priorei oder die Ahnen des Lord Northam mit eigenen Ideen und Szenarien zu erweitern. Möglicherweise ließe sich ein Prequel zu „The Rats in the Walls“ oder „The Descendant“ schreiben, das im römischen Britannien um die Jahrhundertwende angesetzt ist und welches die Vereinigung der Kybele-Sekte mit den druidischen Riten oder aber die Geschichte des Gnaeus Gabinius Capito und dessen Schicksal behandelt; vielleicht kommt aber auch ein junger Römer auf die Spur der verbotenen Kulte und versucht diese zu unterbinden? Sind die beiden Geschichten vielleicht sogar irgendwie miteinander verbunden? Solche Stellen in den Geschichten Lovecrafts sind nahezu unerschöpfliche Ideen-Fundgruben für Invictus-Spielleiter – und eine weitere Entwicklungsstufe auf dem Weg von H.P. Lovecraft, sein Interesse am Altertum mit seinem eigenen Mythos zu verbinden. Er wird später noch einen Schritt weitergehen in der Vereinigung dieser beiden Themen. Doch davon erzählt erst Teil drei der Reihe „Lovecraft und die Antike“.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: