Lucius Artorius Castus: De bello lemures

Horror und Antike – die Produktpalette für Anregungen zu dieser Themen-Kombination ist äußerst überschaubar. Umso größer ist die Freude über ein kleines Büchlein, dass die aktuell allgegenwärtige Faszination in Bezug auf Zombies in die römische Antike hinüberträgt: De bello lemures – or the Roman war against the zombies of Armorica ist der Titel eines (fiktiven) Berichts des nobilis Lucius Artorius Castus aus dem 2. Jahrhundert, im (pseudo-) wissenschaftlichen Gewand präsentiert, herausgegeben und annotiert von Thomas Brookside. Auch wenn es sich hierbei nicht direkt um eine Erzählung aus der Welt des Mythos handelt, bietet der Text schon aufgrund seiner Form Parallelen zu cthuloiden Geschichten und darüber hinaus womöglich Einsichten und Vorlagen für entsprechende Abenteuer.

In seiner sechsseitigen Einführung gibt sich Thomas Brookside jedenfalls alle Mühe, den Eindruck einer seriösen Veröffentlichung zu wecken. Alle genannten Personen, historischen Methoden und Werke (Titel, Datierung und selbst deren Lagerorte) sind korrekt recherchiert und bilden einen glaubhaften Rahmen für den fiktiven Fund des De bello lemures unter einer Ausgabe der Bescheidenheit des Freidank. Selbst eine Diskussion unter Fachleuten über die Echtheit des Palimpsests bzw. seines Inhalts gibt der vermeintliche Herausgeber wieder. Allein die fehlenden Literatur-Belege vermögen eine Ahnung davon zu geben, dass mit dem Bericht aus der französischen Bretagne etwas nicht stimmt – und vielleicht die Wahl von Lucius Artorius Castus, der ja bereits als mögliche Inspiration für die Artus-Sage umstritten ist. Eventuell wäre ein unbekannterer Name hier besser gewesen, jedoch würden dann wohl auch Inschriften fehlen, die eine glaubhafte Existenz des antiken Verfassers belegen.

Auf das kurze Vorwort und eine politische Karte, die Nordwest-Gallien im 2. Jh. zeigen soll, folgt schließlich die insgesamt 95-seitige, in elf knappe Kapitel unterteilte, vorgebliche „Übersetzung“ des lateinischen Briefes aus spät-antoninischer Zeit. Castus, eigentlich aus Britannien nach Armorica gerufen um dort die Revolte des Maternus niederzuschlagen, beginnt seinen Bericht mit der Kreuzigung von Aufständischen in der Nähe des heutigen Nantes, ausgerechnet am Vorabend der Kalenden des November. Bei dieser Kreuzigung stößt der am längesten am Pfahl Überlebende, nach Auskunft der örtlichen Bevölkerung ein Druide, einen grausamen Fluch aus, welcher jedoch von Castus und seinen Begleitern nicht ernst genommen wird. Der Oberbefehlshaber folgt daraufhin mit einigen wenigen wichtigen Offizieren der Einladung des Rufus, eines bedeutenden Landbesitzers, zum Essen. Als sich die Gäste einige Stunden später jedoch wieder auf den Heimweg machen, werden sie nur eine kurze Strecke von der Villa des Rufus entfernt von merkwürdigen Kreaturen angegriffen, die die römischen Soldaten zum Landhaus zurück zwingen. Hier wollen sie sich zumindest bis zum Tagesanbruch verbarrikadieren, aber die Nacht wartet noch mit verschiedenen Überraschungen auf, von denen die Folgen der Bisswunde des Aulus Furius Pacilus nur eine ist. Erst am Morgen trifft ein Kavallerie-Suchtrupp ein und befreit die Eingeschlossenen, die auf dem Weg zum Legionslager Pläne schmieden, um der Lage Herr zu werden. Schließlich muss sogar der Stützpunkt selbst gegen einen Angriff der Lemures verteidigt werden, bevor drastische Maßnahmen getroffen werden können, eine Ausbreitung der Monster auf das ganze Reich zu verhindern.

Anders als vielen anderen historischen Darstellungen kann man dem De bello Lemures tatsächlich attestieren, eine spannende Geschichte zu erzählen – trotz oder auch gerade wegen seines besonderen Stils. Thomas Brookside gelingt es jedenfalls auch im eigentlichen Hauptteil seiner kurzen Erzählung, die Illusion aufrecht zu erhalten, einen authentischen römischen Text zu lesen, wenn er sich auch mit der Wiedergabe wörtlicher Rede eine große Freiheit herausnimmt – wie er selbst eingesteht. Besonders positiv ist die gründliche Recherche hervorzuheben, die der Autor immer wieder zur Schau stellt, wobei er hier massiv den Textart-Vorteil der pseudo-wissenschaftlichen Übersetzung nutzt, Kommentare und Worterklärungen als Fußnoten einbinden zu können. Doch auch die Verknüpfung mit über die Geschichte hinausgehenden Ereignissen der römischen Geschichte und Verweise auf klassische Autoren (insbesondere Cassius Dio und Herodian, aber auch Ovid und Varro!) tragen zur Glaubwürdigkeit des Berichtes bei. Bis auf eine einzige Stelle, an welcher „thanksgiving“ erwähnt wird, vermeidet Brookside auch den größten Fehler vieler historischer Autoren: das Verwenden von Konzepten, die der Erzählzeit fremd sind – was insbesondere im Kontext ansteckender Krankheiten (denn auch hier wird die Möglichkeit eines Zombie-Virus zumindest offen gehalten) eine aufwändige Übung ist. Bemängeln lässt sich derweil nur sehr wenig. Die zehn Fehler (hauptsächlich Wortdoppelungen und -auslassungen) auf knapp einhundert Seiten sind gerade noch akzeptabel, zeugen aber von fehlender Sorgfalt beim Lektorat. Zudem sind leider die seitenweise neu-zählenden Fußnoten teils „verrutscht“, so dass es auf einer Seite manchmal Zählungen der Art 1,2,1,2 gibt. Insgesamt ist die Qualität aber ordentlich. Das größte Ärgernis von allen dürfte wohl der Umfang des schmalen Bändchens sein. Unweigerlich wünscht man sich als Leser mehr solcher Geschichten, die m.E. definitiv auf oder sogar über dem Niveau so mancher Mythos-Geschichte anzusiedeln ist.

Abschließend sei Brooksides Kurzgeschichte noch dafür gelobt, dass der Autor mit dem Thema Religionen im Altertum sehr pragmatisch umgeht und genau den Ansatz nutzt, der sowohl hier im Blog, als auch an anderer Stelle schon öfter beworben wurde: auch in der Antike gibt es schon Unterschiede in Glaubensfestigkeit und Rationalismus – wer das Wirken der Götter noch nie selbst gesehen hat, tendiert dazu, in religiösen Handlungen mehr eine soziale denn transzendentale Verpflichtung zu sehen. Doch selbst religiöse Menschen sind nicht vor den Wirkungen und Schrecken sicher, die der Mythos (oder im Allgemeinen schwarze Magie) mit sich bringen. Das übernatürliche Böse wirkt umso heftiger, je klarer es wird, dass ihm kein entsprechendes supernaturales Gute entgegensteht. Alles in Allem bietet De bello Lemures eine perfekte Vorlage für ein kurzes Abenteuer Cthulhu Invictus.

Daten und Fakten: Thomas Brookside: De bello Lemures – or the Roman war against the zombies of Armorica. 2009. Print-Ausgabe: Softcover, 112 Seiten, ISBN 978-1449568696. Das Buch ist auch als eBook erhältlich. Produktseite bei Amazon.de.

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