Provinciae Germanicae

Obwohl die englische Original-Ausgabe von Cthulhu Invictus recht gut gelungen ist, Spaß macht und einige der dafür veröffentlichten Abenteuer sogar die germanischen Provinzen Roms zum Hintergrund haben, kommt in regelmäßigen Abständen der Wunsch nach einer deutschen Ausgabe auf. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage danach, ob man sich eine solche denn als reine Übersetzung oder doch eher als vollständige Überarbeitung mit inhaltlichen Änderungen oder Ergänzungen wünscht. Die erstere Form bedeutet für den deutschen Verlag im Grunde weniger Arbeit: es sind keine eigenen Materialrecherchen nötig, es müssen keine eigenen Autoren bezahlt, keine neuen Texte geschrieben werden. Wenn man eine 1:1 Übersetzung anfertigt, bleibt evtl. sogar das Layout inklusive der Illustrationen unangetastet. Es muss nur ein themenkundiger Übersetzer den Ursprungstext durcharbeiten. Fertig.

Dennoch hat sich Pegasus, der deutsche Lizenznehmer für Cthulhu, in der Vergangenheit – meiner Kenntnis nach – immer dazu entschieden, die Originaltexte intensiv zu bearbeiten. Sie wurden umgestellt, ergänzt, gekürzt, mit neuen Illustrationen und Layout versehen, teils regeltechnisch leicht verändert – kurzum: an das deutsche Publikum angepasst. Warum hat der Verlag dies getan? Zum einen weil durch solche Maßnahmen ein Mehrwert erzeugt wird, der speziell für den Verkauf ein gewichtiges Argument ist, denn natürlich sollen auch des Englischen mächtige Käufer die deutschen Ausgaben erwerben – die deutsche Szene ist generell zu klein und der Verlag deshalb darauf angewiesen, die Verkaufszahlen zu maximieren. Zweitens sind die Vorlagen seitens Chaosium qualitativ teils nicht ausreichend für die Ansprüche deutscher Kunden, was durch die deutsche Redaktion im Zuge der Überarbeitungen oft ausgeglichen werden muss. Zuletzt aber darf auch nicht vergessen werden, dass ein besonderer Reiz von Lokalisierungen darin besteht, den Leser dort abzuholen, wo er sich auskennt, bzw. auf Cthulhu angewendet: den kosmischen Horror zum Leser kommen und in seine bislang vermeintlich sichere Heimat einsickern zu lassen.

Anstatt im fernen Neuengland Lovecrafts dem äonenalten Grauen zu begegnen und sich damit bereits auf mehreren Ebenen in eine Fiktion zu begeben, bevor man mit dem eigentlich Phantastischen begonnen hat, kann der Reiz von regionalen Überarbeitungen darin liegen, die besondere Stärke des cthuloiden Rollenspiels zu bedienen: die Vermischung von (historischer) Realität und (vermeintlich fiktivem) Mythos. Auf zumindest einen Teil der Spielerschaft übt die Verbindung dieser beiden Bereiche einen besonderen Reiz aus – und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Pegasus zu Beginn seiner Cthulhu-Geschichte dieser Idee in einer Reihe von Publikationen gewidmet hat. Zu nennen wären etwa Berlin (2002), Auf den Inseln (2002), Um Ulm herum (2003), Deutschland (2004), Kleine Völker (2004), Niemandsland (2007) sowie eine ganze Reihe entsprechender Regionalia im Magazin Cthuloide Welten. Von all‘ diesen Texten haben nur die zuletzt genannten Regionalia (als PDF, 2013) und die Deutschland-Box (als Hardcover, 2011) die Zeiten überdauert und nachträglich nocheinmal Aufmerksamkeit erfahren. Insgesamt hat Pegasus sich von Deutschland als Schauplatz aber eher abgewendet, was die Produktpalette deutlich zeigt. Anders als etwa bei der britischen Lokalisation hat beim deutschen Verlag anscheinend auch die Idee einer eigenen Mythos-Region nicht zünden können. Was für Neuengland sein Arkham und für Britannien sein Severn Valley ist, findet in den deutschen Mittelgebirgen keine Entsprechung.

Wenn ich persönlich danach gefragt werde, ob ich mir eine deutsche Veröffentlichung von Cthulhu Invictus wünsche, dann schwirren all diese Gedanken in meinem Kopf herum und fließen unweigerlich in meine Antwort ein: Ja, ich würde mich natürlich über eine entsprechende Publikation freuen – wenn es denn eine komplette Überarbeitung der englischen Ausgabe mit einem gewissen Mehrwert wird. Dabei wünsche ich mir als größten Mehrwert, dass ein solcher Band dann nicht versucht, die Weitläufigkeit der englischen Ausgabe mit all den möglichen Schauplätzen im ganzen Reich nachzuahmen. Stattdessen sollte ein solcher Band sich als Ergänzung zur englischen Produktlinie verstehen und sich gerade auf die Regionen konzentrieren, zu denen wir gegenüber den Amerikanern einen echten Wissens- und Zugangsvorteil besitzen: die germanischen Provinzen (Germania inferior/superior, Belgica) und das wilde Germanien jenseits des Rheins. Denn genau darin könnte die Stärke eines solchen Produktes liegen, nicht nur für die Spieler an Rhein und Mosel – wenn auch zugegebenerweise in dieser Region die größten Gelegenheiten liegen, sich an noch erhaltenen Bodenschätzen und Überlieferungen zu orientieren oder diese sogar aktiv als Inspiration oder Abenteuerelement zu nutzen. Hierneben könnte man in den nicht so stark romanisierten Regionen ohne viel Aufwand eine germanische Entsprechung zu Lovecraft-Country unterbringen – und vielleicht sogar eine Erklärung mitliefern, warum es diese Region so in späteren Zeiten nicht mehr gibt. Wäre das nicht mal eine Herausforderung?

Wie ich ausgerechnet heute auf diesen Artikel komme? Nun, ich habe eben Thomas Schiffers „Auf Römerwegen durch die Eifel“ zu Ende gelesen. Ein kleines, sehr günstiges Büchlein, bei dem sich aber gepaart mit dem österlichen Wanderurlaub in der Eifel sofort wieder wilde Ideen in meinem Kopf zusammenbrauen. Dieser Band ist für den am römischen  Germanien interessieren Spielleiter mehr wert, als alles bislang erschienene Invictus-Quellenmaterial und bietet eine ganze Sammlung an Aufhängern für cthuloide Abenteuer: plötzlich verlassene Gutshöfe, verschwundene Bewohner bzw. Siedlungen, nur zeitweise bearbeitete und dann lange ruhende Steinbrüche und Minen, das gallische Sonderreich, Einfälle der Germanen, das Aufeinandertreffen von germanischer und römischer Götter- und Mythenwelt, römische Großstädte wie Trier und Köln mit ihren ganz eigenen Biotopen für Karrieristen, Händler, etc., lange Wege und einsame, dunkle Ecken, wie etwa das Brohltal, usw. Man müsste vielleicht auch schauen, was sich aus den Regionalia zu Eifel und Köln verwerten und auf antike Ursprünge zurückführen ließe. Das Hintergrund-Material für einen deutschen Cthulhu Invictus-Band liegt in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geradezu auf der Straße. Vielleicht erkennt das der Lizenzinhaber auch noch. Oder man macht es eben selbst. Wenn man Zeit und die Motivation hat ins Ungewisse zu arbeiten. Vae mihi! Da war doch noch was!

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