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Lovecraft und die Antike (IV)

Mit einem Tag Verspätung H. P. Lovecraft zum 128. Geburtstag

Bereits in den drei früheren Artikeln dieser Reihe habe ich versucht, die Beziehung H. P. Lovecrafts zur Antike genauer zu beleuchten: So habe ich sowohl über Lovecrafts Entdeckung der griech.-römischen Welt und ein erstes Gedicht als auch über seine ersten zwei Mythos-Geschichten mit antikem Einschlag sowie über seine einzige Mythos-Erzählung, die tatsächlich in der Antike spielt, geschrieben. Lange war ich davon ausgegangen, dass die Reihe damit womöglich bereits zu ihrem natürlichen Ende gekommen sei, bis ich in einem Sammelband zur Rezeption der Antike in moderner Fantasy-Literatur auf einen Aufsatz stieß, der den Freunden des altertümlichen kosmischen Horrors nicht vorenthalten werden sollte. Weiterlesen …

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Blutch „Peplum“

Das zumindest dürfte unstrittig sein: Gutes Rollenspiel braucht lebendige (gemeinsame) Bilder im Kopf. Inspirationsquellen, speziell visuelle, können enorm zu diesen Bildern beitragen. Allerdings sind gerade im Bereich der (römischen) Antike viele der älteren visuellen Quellen und auch noch eine erhebliche Zahl der jüngeren Veröffentlichungen nur bedingt zu diesem Zweck geeignet. Insbesondere kollidiert der Anspruch von etwa Cthulhu Invictus-Spielleitern, ein möglichst düsteres Rom in den Köpfen der Spieler entstehen zu lassen, oft mit den künstlerischen Darstellungen, die vor allem die Größe, Epik und neuerdings auch die Buntheit des Reiches zeigen wollen. Doch zum Glück gibt es auch Ausnahmen. Eine davon ist Peplum, gezeichnet und getextet vom französischen Künstler Blutch, alias Christian Hincker, auf Deutsch erschienen 2010 im Avant-Verlag.

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„Apollo“ (von Wodtke/Sirois)

Wie auch schon im Falle der antiken Zombie-Geschichte De bello lemures bin ich eher durch Zufall auf den scheinbar noch recht unbekannten Comic Apollo (Markosia, 2013) gestoßen. Erik von Wodtke (Text) und Douglas A. Sirois (Zeichnungen) liefern mit diesem achtzigseitigen Heft ihre ureigene cthuloide Interpretation der griechischen Mythenwelt ab, in welche sich Lovecrafts Großer Alter mehr oder minder hineinverirrt zu haben scheint.

Denn eigentlich spielt Cthulhu, obwohl er auf dem Cover des Bildbandes abgebildet ist, keine große Rolle in der Geschichte, die erzählt wird. Der Leser wundert sich vielleicht sogar, was ein geflügelter, tentakelbewehrter Außerirdischer mit der Sage von der eifersüchtigen Hera zu tun hat, die ihrem Mann und seiner Bettgespielin Leto hinterherjagt. Eigentlich nichts. Dennoch ist es Cthulhu höchstselbst, den die Mutter der Götter aus den Tiefen des Tartarus emporhebt, damit er Leto und ihre Kinder aufspüre und vernichte. Erst nachdem sich die von Zeus Geschwängerte mithilfe des Totenbuches des Hades auf die Insel Delos retten konnte, welche durch die Gesetze der Älteren Götter anscheinend neutrales Gebiet ist, kommt auch der Namensgeber eines ganzen Popkultur-Phänomens wieder zur Ruhe – bis er am Ende der Geschichte zur finalen Auseinandersetzung wieder auftaucht.

Natürlich wird an dieser Stelle nicht verraten, wie die umgedichtete Sage endet, doch wenn die Protagonisten im Hauptteil Apollo und Artemis heißen und man ein wenig bewandert in den beiden hier vermischten Mythologien ist, dann kann man sich einen großen Teil schon denken und wird wohl kaum enttäuscht werden. Doch selbst wenn einem die Geschichte als solche nicht zusagt, wird man immerhin durch sehr schöne Bilder getröstet, die aufgrund ihrer Sauberkeit und Blässe ein wenig an Buntstift-Zeichnungen erinnern und beim Leser umgehend das Gefühl auslösen, doch eher ein Kinderbuch vor der Nase zu haben, als einen Horror-Comic. Dazu trägt auch bei, dass der Text nicht in Form von Sprechblasen präsentiert wird, sondern wie bei Bilderbüchern für die Kleinsten nur in jeweils einem kleinen freistehenden Absatz pro Seite. So sollte sich der Band eigentlich auch gut fürs Vorlesen am heimischen Kinder-Bett eignen.

Ein ganz besonderes Augenmerk muss bei Abbildungen zu mythologischen Sagen auch stets auf den Kitsch-Faktor gerichtet werden, der bei Apollo dankenswerterweise nur sehr minimal ausgeprägt ist. Hier hat der Zeichner genug Modernität walten lassen, um Schwülstigkeits-Bauchschmerzen beim Leser zu verhindern. Das gelingt nicht jedem. Letztendlich kann man die Geschichte daher wunderbar als zeitgenössische Alternative zu den trockenen Texten der alten Autoren genießen. Es ist mal ein anderer Ansatz der hier präsentiert wird. Vielleicht, aber nur vielleicht kann man sich als Fans des Cthulhu-Mythos darüber ärgern, dass der Ansatz nicht bis zum bitteren Ende verfolgt wird. Cthulhu als einziges Element des Mythos im klassischen Altertum wirkt ein wenig verloren und beliebig – und wer sieht ihn schon gerne als Haustier der Hera?

Wer aber mit diesen Umständen leben kann, der bekommt mit Apollo für wenig Geld ($14.99/£ 9.99) ein Kleinod geliefert, das sauber produziert ist und das auch als Inspiration für Invictus-Szenarien taugen kann. (Zumindest, wenn man einen epischeren Spielstil anstrebt.)

 

Antikes Britannien aus dem Gaslicht-Band

Zumindest seinem Namen nach sollte der vor einigen Monaten bei Pegasus-Spiele erschienene Band Cthulhu im Gaslicht eigentlich kein Thema für einen Blog sein, der sich mit antikem Horror beschäftigt. Doch schon in der Pressemeldung zur Veröffentlichung des Bandes gelang es einem einzelnen Satz, mich trotzdem neugierig zu machen. Denn dort steht: „[Ein Kapitel des Buches] zeigt den prähistorischen und antiken Mythos in Britannien“. Antiker Mythos in Britannien? Ist das nicht originär ein Thema für Invictus-Spieler? Oder wird hier mal wieder der Begriff „antik“ nur als „alt“ übersetzt und führt an dieser Stelle in die Irre? Nein, tatsächlich geht es im Kapitel Die in den Mooren lauern um Kelten und Römer! Müssen sich nun alle Fans von Cthulhu in der römischen Antike auch noch den Gaslicht-Band zulegen, damit sie bloß nichts Wichtiges verpassen?

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Provinciae Germanicae

Obwohl die englische Original-Ausgabe von Cthulhu Invictus recht gut gelungen ist, Spaß macht und einige der dafür veröffentlichten Abenteuer sogar die germanischen Provinzen Roms zum Hintergrund haben, kommt in regelmäßigen Abständen der Wunsch nach einer deutschen Ausgabe auf. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage danach, ob man sich eine solche denn als reine Übersetzung oder doch eher als vollständige Überarbeitung mit inhaltlichen Änderungen oder Ergänzungen wünscht. Die erstere Form bedeutet für den deutschen Verlag im Grunde weniger Arbeit: es sind keine eigenen Materialrecherchen nötig, es müssen keine eigenen Autoren bezahlt, keine neuen Texte geschrieben werden. Wenn man eine 1:1 Übersetzung anfertigt, bleibt evtl. sogar das Layout inklusive der Illustrationen unangetastet. Es muss nur ein themenkundiger Übersetzer den Ursprungstext durcharbeiten. Fertig.

Dennoch hat sich Pegasus, der deutsche Lizenznehmer für Cthulhu, in der Vergangenheit – meiner Kenntnis nach – immer dazu entschieden, die Originaltexte intensiv zu bearbeiten. Sie wurden umgestellt, ergänzt, gekürzt, mit neuen Illustrationen und Layout versehen, teils regeltechnisch leicht verändert – kurzum: an das deutsche Publikum angepasst. Warum hat der Verlag dies getan? Zum einen weil durch solche Maßnahmen ein Mehrwert erzeugt wird, der speziell für den Verkauf ein gewichtiges Argument ist, denn natürlich sollen auch des Englischen mächtige Käufer die deutschen Ausgaben erwerben – die deutsche Szene ist generell zu klein und der Verlag deshalb darauf angewiesen, die Verkaufszahlen zu maximieren. Zweitens sind die Vorlagen seitens Chaosium qualitativ teils nicht ausreichend für die Ansprüche deutscher Kunden, was durch die deutsche Redaktion im Zuge der Überarbeitungen oft ausgeglichen werden muss. Zuletzt aber darf auch nicht vergessen werden, dass ein besonderer Reiz von Lokalisierungen darin besteht, den Leser dort abzuholen, wo er sich auskennt, bzw. auf Cthulhu angewendet: den kosmischen Horror zum Leser kommen und in seine bislang vermeintlich sichere Heimat einsickern zu lassen.

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