Tag Archive | Antike

Blutch „Peplum“

Das zumindest dürfte unstrittig sein: Gutes Rollenspiel braucht lebendige (gemeinsame) Bilder im Kopf. Inspirationsquellen, speziell visuelle, können enorm zu diesen Bildern beitragen. Allerdings sind gerade im Bereich der (römischen) Antike viele der älteren visuellen Quellen und auch noch eine erhebliche Zahl der jüngeren Veröffentlichungen nur bedingt zu diesem Zweck geeignet. Insbesondere kollidiert der Anspruch von etwa Cthulhu Invictus-Spielleitern, ein möglichst düsteres Rom in den Köpfen der Spieler entstehen zu lassen, oft mit den künstlerischen Darstellungen, die vor allem die Größe, Epik und neuerdings auch die Buntheit des Reiches zeigen wollen. Doch zum Glück gibt es auch Ausnahmen. Eine davon ist Peplum, gezeichnet und getextet vom französischen Künstler Blutch, alias Christian Hincker, auf Deutsch erschienen 2010 im Avant-Verlag.

Weiterlesen …

Advertisements

Provinciae Germanicae

Obwohl die englische Original-Ausgabe von Cthulhu Invictus recht gut gelungen ist, Spaß macht und einige der dafür veröffentlichten Abenteuer sogar die germanischen Provinzen Roms zum Hintergrund haben, kommt in regelmäßigen Abständen der Wunsch nach einer deutschen Ausgabe auf. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage danach, ob man sich eine solche denn als reine Übersetzung oder doch eher als vollständige Überarbeitung mit inhaltlichen Änderungen oder Ergänzungen wünscht. Die erstere Form bedeutet für den deutschen Verlag im Grunde weniger Arbeit: es sind keine eigenen Materialrecherchen nötig, es müssen keine eigenen Autoren bezahlt, keine neuen Texte geschrieben werden. Wenn man eine 1:1 Übersetzung anfertigt, bleibt evtl. sogar das Layout inklusive der Illustrationen unangetastet. Es muss nur ein themenkundiger Übersetzer den Ursprungstext durcharbeiten. Fertig.

Dennoch hat sich Pegasus, der deutsche Lizenznehmer für Cthulhu, in der Vergangenheit – meiner Kenntnis nach – immer dazu entschieden, die Originaltexte intensiv zu bearbeiten. Sie wurden umgestellt, ergänzt, gekürzt, mit neuen Illustrationen und Layout versehen, teils regeltechnisch leicht verändert – kurzum: an das deutsche Publikum angepasst. Warum hat der Verlag dies getan? Zum einen weil durch solche Maßnahmen ein Mehrwert erzeugt wird, der speziell für den Verkauf ein gewichtiges Argument ist, denn natürlich sollen auch des Englischen mächtige Käufer die deutschen Ausgaben erwerben – die deutsche Szene ist generell zu klein und der Verlag deshalb darauf angewiesen, die Verkaufszahlen zu maximieren. Zweitens sind die Vorlagen seitens Chaosium qualitativ teils nicht ausreichend für die Ansprüche deutscher Kunden, was durch die deutsche Redaktion im Zuge der Überarbeitungen oft ausgeglichen werden muss. Zuletzt aber darf auch nicht vergessen werden, dass ein besonderer Reiz von Lokalisierungen darin besteht, den Leser dort abzuholen, wo er sich auskennt, bzw. auf Cthulhu angewendet: den kosmischen Horror zum Leser kommen und in seine bislang vermeintlich sichere Heimat einsickern zu lassen.

Weiterlesen …

Ghoule in der Krise – Von Nahrungsknappheit und ihrem Nutzen

Eigentlich sind sie aus dem Lovecraft-Universum kaum wegzudenken: in Pickman’s Model spielen sie die mythologische Hauptrolle, im berühmten Traumlande-Epos The Dream-Quest of Unknown Kadath sind sie ein entscheidender Faktor und auch an deren Stellen des Mythos-Universums tauchen sie mit schöner Regelmäßigkeit als eher profane Leichenfresser und Horrorelemente auf – Ghoule.

Angeregt durch einen Kommentar im offiziellen deutschen Forum zu Cthulhu muss an dieser Stelle aber darauf hingewiesen werden, dass es gerade für Spieler von Cthulhu Invictus nicht unproblematisch ist, diese Kreaturen in ihrer herkömmlichen Rolle einzusetzen. Die römischen Bestattungspraktiken machen den Ghoulen einen großen Strich durch die Rechnung, der sich vor allem als massive Nahrungsknappheit manifestiert. Denn speziell im spielerisch hoch-interessanten Zeitraum vom 1. Jh. v. Chr. bis zum Ende des 1. Jhs. n. Chr. präferierten die Römer die hygienische Brandbestattung, bei der schließlich nur Ascheurnen auf den Friedhöfen beigesetzt wurden. Dieser Umstand gilt dabei nicht nur für die ewige Stadt selbst, sondern ab dem ausgehenden 2. Jh. v. Chr. für den gesamten römischen Westen. Nur der östlichste Teil, der noch unter griechischem Einfluss stand, blieb dauerhaft bei der Körperbestattung. Erst ab dem 2. Jh. n. Chr. wandelt sich die Situation wieder und die ursprünglich arabischen Leichenfresser finden wieder genug Nahrung westlich des griechischen Festlands. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts setzt sich die Inhumation dann wieder vollständig im Reich durch – römische Kaiser werden aber erst seit dem 4. Jahrhundert wieder unverbrannt in die Erde gebettet.

Will man also Ghoule in einem Invictus-Setting unterbringen, sollte man sich ausgehend von diesen Informationen überlegen, wovon sich diese Kreaturen ernähren, in welcher Population sie auftreten und welche Motive sie haben könnten. Nahrungsmittelknappheit kann ein entscheidender Antriebsfaktor bei der Suche nach neuen Lebens- und Siedlungsräumen sein (Abwanderung in die äußeren Regionen des Reiches/Kulturraumes). Auch kann sie zu gesteigerter Aggressionsbereitschaft führen (Angriffe auf Lebende, Kampf untereinander um verbliebene Ressourcen), zu körperlichen Beeinträchtigungen (körperliche Schwäche, Krankheiten, Fehlbildungen), zu Ausweich- oder Ersatzverhalten (Schlachthöfe anstelle von Friedhöfen als Jagdrevier, ggf. werden aus Aasfressern auch Raubtiere), usw. Evtl. macht sich ein Kult die Hilflosigkeit der Ghoule zu nutze und beutet ihre Abhängigkeit von „Hilfslieferungen“ schamlos aus. So oder so bietet die Situation Gelegenheit, Ghoule in einem nicht ganz so stereotypen Licht zu sehen und ihrer animalischen  Gesellschaft mehr Tiefe zu spendieren. Habt ihr noch mehr Ideen für die Verwendung von Ghoulen in dieser Zeit? Kommentare sind erwünscht!

Interludium im Pegasus-Forum

Derzeit komme ich von Berufs wegen leider kaum dazu, nebenbei noch gute Artikel für den Blog zu verfassen (Ideen gibts aber noch mehr als genug). Damit Euch in dieser kurzen, arbeitsbedingten Pause nicht allzu langweilig wird, verweise ich hiermit nur kurz auf zwei Themen im offiziellen deutschen Cthulhu-Forum von Pegasus, die lesenswert sind und auch von mir frequentiert werden:

Fama Antiqua ist eine von Frostgeneral geleitete Cthulhu Invictus-Kampagne, deren Verlauf er bislang stets zeitnah in einem Spielbericht mit uns teilt. Die Grundidee: In Roms Kanalisation gehen merkwürdige Dinge vor sich – eine bunt zusammengewürfelte Gruppe antiker Ermittler macht sich daran, das Rätsel zu lösen. Das Auftauchen des Namens Y’golonac lässt nichts Gutes erwarten.

Invictus-Immortalis-Omnipotens ist der zur zuvor beschriebenen Kampagne gehördende Begleitfaden. In ihm finden geneigte Spielleiter Frostgenerals Fragen zu Setting und Zeit, meine Antworten hierauf und einige weitere Anregungen. Ein schönes Beispiel dafür, wie man auch als Nicht-Historiker an ein Cthulhu-Szenario bzw. eine -Kampagne im Alten Rom herangehen kann. Fragen und Beiträge sind immer willkommen.

Geschichten zum Mythos in der römischen Antike gesucht

Nach dem (inzwischen mehrfachen) Lesen von Lovecrafts Gesamtwerk und nach inzwischen mehr als einhundert Mythos-(Kurz-)Geschichten aus der Feder von fast genauso vielen Autoren steht eindeutig fest: Es mangelt der Literaturlandschaft an Mythos-Erzählungen, die in der römischen Antike spielen! Entweder die entsprechenden Texte liegen (wie bei mir) unfertig in Schubladen und auf Festplatten brach – oder es gibt sie tatsächlich nicht. Doch Letzteres kann ich ehrlich gesagt kaum glauben.

Wenn aber selbst in einem Band wie Historical Lovecraft – Tales of Horror through Time (hrsg. v. Silvia Moreno-Garcia und Paula R. Stiles, Innsmouth Free Press, 2011) keine einzige Geschichte zu finden ist, die in römischer Zeit bzw. unter Römern spielt, dann macht das zugegebenermaßen stutzig. Im ersten Kapitel „Ancient History“ tauchen hier zwar Erzählungen aus dem neusteinzeitlichen Mesopotamien, Akkadien/Sumer, dem archaischen bzw. klassischen Griechenland, dem Ägypten der 18. Dynastie und Palästina sowie sogar aus dem indisch-chinesischen Grenzgebiet des 5 Jh. auf – an die ewige Stadt, ihre Bewohner und Provinzen hat sich aber keiner der Autoren herangetraut. Über mögliche Gründe dafür, diesen Kulturraum auszulassen, kann dabei nur spekuliert werden. Insbesondere, da die Veröffentlichungen rund um Chaosiums Cthulhu Invictus den Herausgebern doch bekannt gewesen sein dürften.

Am so oft gehörten Vorurteil, man könne die Atmosphäre des Mythos nicht oder nur schwer in antike Kulturen übertragen, kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn unter den hier aufgeführten Geschichten gibt es durchaus solche, die gut funktionieren. Man muss sich allerdings auf das besondere Setting einlassen – und vor allem sorgfältig mit seiner Sprache umgehen. Das Störendste bei der Lektüre der oben gelisteten Erzählungen war jedenfalls regelmäßig nicht die schwache Recherche oder die oft nur blasse Ausgestaltung des historischen Hintergrunds, sondern viel eher die selbstverständliche Verwendung von sprachlichen Modernismen und Neologismen in zeitlichen Kontexten, in denen die Menschen mit den entsprechenden Konzepten nichts anfangen konnte. Entsprechend ist der stilistisch beste Text tatsächlich der eines Fachmannes (Alter S. Reiss), der bewusst den Stil der von ihm beschriebenen Zeit kopiert.

Wie dem auch sei: Wer eine Mythos-Geschichte in antik-römischem Kontext findet, der weise mich bitte auf diese hin (per Kommentar oder E-Mail)!