Cthulhu Through the Ages

Es hilft nichts: Die neue, siebte Regelfassung für Call of Cthulhu (CoC) kommt. Eigentlich ist sie sogar schon da. Die Kickstarter-Kampagne ist schon lange beendet und zumindest die elektronische Ausgabe der 7th Edition kann man schon ganz regulär im Webshop von Chaosium kaufen. Auch der deutsche Pegasus-Verlag war schon fleißig und hat bereits zur RPC 2014 ein Heftchen mit Schnellstarter-Regeln publiziert, damit sich alte Hasen und Neueinsteiger selbst ein Bild machen können. Je nachdem wie die aktuelle Krise bei Chaosium gemeistert wird, ist davon auszugehen, dass auch von Drittverlagen auf Dauer kein Material mehr für das Invictus-Setting in seiner bisherigen Mechanik produziert werden wird. Golden Goblin Press hat mit De horrore cosmico sehr wahrscheinlich das letzte Invictus-Produkt herausgebracht, dass dezidiert die alten 6er-Regeln verwendet. Sofern also nicht noch wundersame Dinge passieren, wird es Zeit zu sehen, wie der Umstieg, wenn er denn mitgemacht werden soll, bewältigt werden kann. Eine Hilfe bei diesem Unterfangen will Cthulhu Through the Ages (CTtA) sein. Im Rahmen des 7th Edition Kickstarters finanziert, versteht sich das 75-seitige Heft als Übergangshilfe für alle CoC-Spieler, die einem der Nicht-Standard-Settings folgen. Was bringt der Band für uns Invictus-Spieler?

Die enttäuschende Antwort ist: Nicht besonders viel. Genau dreizehneinhalb Seiten mit Invictus-Bezug finden sich über das Heft verteilt – was angesichts des Gesamt-Buchumfangs und des hehren Ziels von CTtA, alle sieben Non-Standard-Settings zu bedienen, sogar noch in Ordnung zu gehen scheint. Davon sind jedoch zwei mit unglaublich schlechten s/w-Abdrucken von eigentlich schönen Covern älterer Bände belegt, also inhaltlich und optisch wertlos. Zwei weitere Seiten am Buchende nimmt der (ebenfalls nicht optimal gedruckte) neue Charakterbogen ein, der sich – charakteristisch für die siebte Edition – vor allem durch die neuen dreiteiligen Wertefelder, den Glückspunktepool  und einen Kasten mit Regelzusammenfassungen vom bisherigen Formular unterscheidet. Eine Verwechslung des Bogens mit seinem Vorgänger ist jedenfalls ausgeschlossen. Gleichzeitig sind die Unterschiede zu den neuen Bögen der anderen Settings kaum zu finden. Abgesehen von der Rahmengestaltung und den Schriftarten könnte man die Bögen sogar für identisch halten. Bleiben noch neuneinhalb Seiten, die sich wiederum in zwei Segmente aufteilen: ein erstes von sechseinhalb Seiten widmet sich speziell dem Invictus-Setting, während das zweite Segment im Umfang von drei Seiten sich im Allgemeinen mit besonderen Kampfregeln für die drei Spielzeiten ohne Feuerwaffen befasst.

Segment eins richtet sich mit seinen Hinweisen zur Charaktererschaffung vor allem an Spieler. Dabei steht der wichtigste Satz recht weit vorn: Die Erschaffung funktioniert im Grunde so wie diejenige im klassischen 1920er-Setting aus dem Grundregelwerk der siebten Edition. Ähnlich wie schon in Cthulhu Invictus (2009) bedarf es deshalb grundsätzlich keiner neuen Regeln. Stattdessen wird ein (scheinbar nicht-optionales) Modul „Birth Portents“ eingeführt, welches den Aberglauben der Römer in Auswirkungen auf den Charakter verwandelt. Darüber hinaus werden diverse kurze Listen präsentiert, die als Inspirationen bei der Erschaffung dienen können; es werden zehn Berufe vorgestellt und zehn Fertigkeiten beschrieben, die in den Grundregeln nicht oder anders vorkommen. Des Weiteren werden zwei mögliche soziale Einbettungen für die Charaktere in knapper Form diskutiert (Handelsorganisationen und religiöse Kollegien). Für Spielleiter gibt es dann noch einen (leider recht minimalistischen und daher überflüssigen) Plot-Seed und für Spieler fünf kleine Atmosphären-Texte, die in knapper Form die Welt von Cthulhu Invictus schmackhaft machen sollen. Ziemlich enttäuschend fällt der kurze Abschnitt zum „Mythos in der Antike“ aus, der sich dem eigentlich wichtigen Thema widmet, wie kosmischer Horror in einer altertümlich-religiösen, abergläubischen Welt funktionieren kann. Zwar ist der erste Tipp, an der mythischen Ordnung der Welt zu rütteln, gut, der zweite jedoch, einfach jeden Andersgläubigen im Römischen Reich zu einem Verbrecher oder Störenfried zu machen, ist historisch zumindest in seiner Verallgemeinerung völlig falsch.

Segment zwei beginnt wie schon das erste ebenfalls mit der Feststellung, dass es nicht viel Neues zu lernen gebe: „For the most part, combat in Invictus … is the same as in standard Call of Cthulhu„. Nur zwei kleinere Regelergänzungen und eine Klarstellung seien erforderlich. Letztere bezieht sich auf die Verwendung von Körperpanzerung, die in der Zeit vor der Verwendung von Feuerwaffen zum einen eine größere Rolle spielt, zum anderen aber auch aufgrund ihrer primitiven Herstellungsweise nicht immer zuverlässig ist (was sich in einer variablen Spanne von den pro Schlag absorbierten Hitpoints äußert). An neuen Regeln bleiben dann nur die Einführung von Schilden als neuer, (und scheinbar ziemlich effektiver) Verteidigungsmöglichkeit bzw. Waffe, sowie die Ersetzung der Fertigkeit „Firearms“ durch „Ranged Attack“. Die jeweiligen Regeln beziehen sich dabei auf die Interpretation von SC-Aktionen hinsichtlich ihrer jeweiligen erreichten Erfolgsrade und auf die in der 7th Edition neue Option, im Kampf nicht nur Auszuweichen, sondern auch Zurückzuschlagen. Abgerundet wird das Segment von zwei Tabellen, die die Spielwerte für insgesamt sechs Typen von Schilden und fünfzehn Waffen enthalten. Allerdings sind davon die meisten nicht Invictus-spezifisch, so dass für das Antike-Setting am Ende nur vielleicht vier Schilde und vier Waffen übrig bleiben. Eventuell mag der Spielleiter noch einige der mittelalterlichen Waffen, wie etwa Speere und Langschwerter, zulassen, besser wäre es aber gewesen, hier eine eigene, umfassendere Liste für Invictus einzufügen.

Zugestanden: CTtA will und kann bei seinem Umfang kein Cthulhu Invictus 7th Edition sein. Allein für den umfassenden Setting-Hintergrund, sowie für die regelunabhängigen Spielhilfen, für die zahlreichen Szenarien, etc. wird es weiterhin notwendig sein, mit dem 2009 erschienenen Buch und seinen Ergänzungen zu arbeiten. Implizit wurde auch schon angekündigt, dass mit der Zeit (wann?) sicherlich auch eine Komplettüberarbeitung der wichtigsten Epochenbände erfolgen wird. Daher kann das vorliegende schmale Heft nur an dem gemessen werden, was es beabsichtigt. Letzteres wiederum haben die Autoren in der Einleitung zu CTtA klar benannt: (1) „Cthulhu Through the Ages has been created to help players adopt the latest rule set for the wide range of settings published by Chaosium.“ (2) “ […] this volume also acts as a primer and taster for those who have not yet set their games outside of either the twenties or modern day.“

Zumindest Punkt zwei wird ansatzweise durch die kurzen Atmosphärentexte erreicht, darüber hinaus gibt es aber leider nur sehr, sehr wenige nützliche Anregungen oder Material, welches das Eintauchen in die jeweilige Spiel-Epoche ermöglichen kann. Für einen echten Einstieg wäre anstatt eines schlechten Plot-Seeds vielleicht ein gutes Kurzabenteuer besser gewesen. (Das gilt übrigens auch für die anderen Im Heft beschriebenen Epochen, die zwar teilweise interessant klingen, die aber eine ganze Menge zusätzlicher Arbeit oder Einkäufe einfordern, um spielbar zu werden.) Ein echtes Ausprobierbuch ist CTtA also nicht. Aber vielleicht ist es ja wenigstens eine Hilfe gemäß Punkt eins und ab sofort können Cthulhu Invictus-Spieler ihren Lieblingshintergrund nach den Regeln der siebten Edition bespielen?

Leider nein. Sicher ist es möglich, die Regeln mal anzutesten. An reiner Mechanik enthielt auch die bisherige Invictus-Fassung nicht viel, was von den Grundregeln abwich. Doch an den Stellen, wo Regelergänzungen notwendig und umfassend sein müssten, schlampt CTaA leider: bei den Fertigkeiten und den Berufen. Jeweils nur zehn davon sind deutlich weniger, als bereits Cthulhu Invictus (2009) zu bieten hatte: Dort waren nämlich schon 44 Berufe zu finden – und diese Zahl hat sich zwischenzeitlich auf über sechzig erhöht, wenn man die Kompendien und Erweiterungen Dritter berücksichtigt. Ähnlich sieht es bei den Fertigkeiten aus. Waren allein in Cthulhu Invictus (2009) insgesamt 17 Wissens- und alleine 11 Waffen-Fertigkeiten erläutert, so wirkt der Versuch der Regelanpassung an die aktuelle Edition durch CTaA deutlich zu kurz gegriffen, insbesondere, da durch die neuen Mechaniken des „pushens“ (dt. „forcieren“?) und der konkurrierenden Würfe nun einige Zusatzerläuterungen extrem hilfreich sein und dem SL einiges an Zeit und Arbeit ersparen könnten. Noch viel schlimmer ist es wiederum bei den Berufen: Hier gibt es in den neuen Regeln nicht nur eine signifikant veränderte Berufsfertigkeiten-Liste zu berücksichtigen, die nun nur für einen Bruchteil der Beschäftigungen vorliegt, sondern es fehlen auch entsprechend viele Angaben zum Statuswert und den Punkten, die man überhaupt für Berufsfertigkeiten ausgeben kann (diese werden ja nicht mehr pauschal vergeben, sondern sind jetzt je nach Beruf von ganz unterschiedlichen Attributwerten und Modifikatoren abhängig.) Von den Spielwerten für Waffen, Ausrüstung, Giften fange ich besser gar nicht erst an.

Das Fazit zu CTtA muss daher lauten: Gut gemeint, leider größtenteils unbrauchbar und überflüssig. Wobei es hier zumindest eine Einschränkung gibt: Wer nur eine Blaupause dafür braucht, wie man die alten Berufe, Fertigkeitenbeschreibungen, Waffen, usw. eigenständig in die 7th Edition herüberholen kann, für den bringt das schmale Heftchen eventuell einen Mehrwert. Überhaupt scheint es letztlich ein Produkt für die Bastler unter uns zu sein, die zuviel Zeit übrig aber zuwenig Geduld haben, auf eine richtige Neufassung des Invictus-Settings zu warten. Diesen Spielern und Spielleitern sei CTtA empfohlen. Ich persönlich gehöre allerdings zu den Menschen, denen ihre Zeit zu kostbar ist, noch die Arbeit von Spielemachern zu erledigen, die ich eigentlich dafür bezahlt hatte, mir etwas davon abzunehmen. Daher werde ich wohl auf eine echte Konversion warten müssen.

tl;dr: Cthulhu Through the Ages brauchen nur extrem Ungeduldige und enthusiastische Bastler.

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