Blutch „Peplum“

Das zumindest dürfte unstrittig sein: Gutes Rollenspiel braucht lebendige (gemeinsame) Bilder im Kopf. Inspirationsquellen, speziell visuelle, können enorm zu diesen Bildern beitragen. Allerdings sind gerade im Bereich der (römischen) Antike viele der älteren visuellen Quellen und auch noch eine erhebliche Zahl der jüngeren Veröffentlichungen nur bedingt zu diesem Zweck geeignet. Insbesondere kollidiert der Anspruch von etwa Cthulhu Invictus-Spielleitern, ein möglichst düsteres Rom in den Köpfen der Spieler entstehen zu lassen, oft mit den künstlerischen Darstellungen, die vor allem die Größe, Epik und neuerdings auch die Buntheit des Reiches zeigen wollen. Doch zum Glück gibt es auch Ausnahmen. Eine davon ist Peplum, gezeichnet und getextet vom französischen Künstler Blutch, alias Christian Hincker, auf Deutsch erschienen 2010 im Avant-Verlag.

Bei der Lektüre dieser 112 Seiten starken, inhaltlich wie optisch äußerst düsteren Erzählung kommen sicher keine zu bunten oder heroischen Gefühle auf. Mittels schwarz-weißer, hart gezeichneter Bilder, die mit erstaunlich wenig Text auskommen, verfolgt der Leser das Schicksal eines jungen Römers von niedrigem Stand durch die Unwägbarkeiten der antiken Welt. Der Namenlose gehört ursprünglich zu einer Expedition des aus Rom verbannten Publius Cimber (Bruder des Caesar-Mörders Lucius Tillius Cimber), die irgendwo am Rand der bekannten Welt eine wunderschöne, in Eis eingeschlossene Frau findet und wohl gewinnbringend verkaufen will. Doch im Zuge des schwierigen Transports dieser sperrigen Fracht werden alle Teilnehmer dieses Wagnisses durch Krankheiten und Unfälle getötet – bis auf unseren namenlosen Protagonisten, der fortan den Namen des Publius annimmt und eine manische Liebe zur Schönheit im Eis entwickelt. Von einer römischen Patrouille aufgegriffen und mitsamt des Eisblocks auf ein Schiff nach Rom verfrachtet, beginnt das eigentliche Abenteuer für unseren jungen „Helden“, der in Wirklichkeit nur ein Spielball größerer Mächte zu sein scheint.

Wer die Geschichte selbst noch lesen will, der springt zum ersten Absatz nach dem ausgegrauten Text. Für alle anderen folgt hier in Grau die weitere Handlung: Publius wird von Mitreisenden verraten und beinahe umgebracht, von Piraten über Bord geworfen, von Wilden zu merkwürdigen Ritualen missbraucht und muss selbst rauben und töten, um zu überleben. Es scheint sich alles zum Besseren zu wenden, als er einen wunderhübschen jungen Knaben zum Weggefährten gewinnt, doch schon kurz darauf steht er mehr zufällig vor der Entscheidung, seinen „kleinen Bruder“ wieder gegen die Eisfrau einzutauschen, die von Römern in einer niedergebrannten Piraten-Stadt gefunden wurde. Von nun an ist Publius hin- und hergerissen und dreht sich in einer Spirale seiner eigenen emotionalen Zerstörung entgegen. Seine Männlichkeit scheint ruiniert, da helfen auch Magie und Zauber nicht mehr. Von Selbstzweifeln zerrissen, beschließt er, zu seinem „kleinen Bruder“ zurückzukehren, nur um prompt wieder Schiffbruch zu erleiden. Diesmal zu seinem eigenen Glück: Der Schiffskapitän, niemand anderes als Lucius Tillius Cimber persönlich, war eben gerade hinter den Namensbetrug gekommen und plante bereits Folter und Verderben für seinen vermeintlichen Bruder. Wieder er selbst wird Publius aufgrund seines tapferen Kampfes gegen wilde Barbaren schließlich zum Helden und Bürger einer kleinen griechischen Stadt, die in ihrer Schatzkammer – wie könnte es auch anders sein – die noch immer eingefrorene Schönheit verwahrt. Nun beschließt der jetzt wieder Namenlose, dem Spuk ein für allemal ein Ende zu bereiten …

„Peplum“, das heißt übersetzt eigentlich „Staatsrobe“ oder „Festgewand“, mit der weiteren Bedeutung als eher profaner „weiter Überwurf“. Genau zwischen diesen Polen scheint sich auch die Geschichte zu bewegen, die Blutch uns hier präsentiert. Zum einen zeigt der Band sehr schön, was alles passieren kann, wenn man sich das Gewand eines Anderen zu eigen macht, sich also die Identität eines Dritten „überwirft“, zum anderen werden die Wirren des Schicksals aufgezeigt, die am Ende ganz überraschend doch noch dazu führen können, dass man ein solches „Festgewand“ trägt. Doch ich wage zu behaupten, dass es dem Künstler weniger um das Ergebnis dieses Abenteuers geht, sondern vielmehr um den Weg dorthin. Peplum ist ein düsteres, wortkarges Roadmovie mitten in der griech.-römischen Antike, das ganz bewusst fast alle Klischees sowie die politisch-epische Ebene weitestgehend meidet, und das zudem viel persönlicher, bedrohlicher und existenzieller sein will als andere Darstellungen. Der Protagonist sieht sich mit dem Kampf ums tägliche Überleben genauso konfrontiert wie mit seinen scheinbar unerfüllbaren Wünschen (nach Nähe, nach sozialem Aufstieg, usw.), er fragt sich, ob er das richtige tut, streckt seinen Kopf in den Wind und erlebt am eigenen Leib, was das Leben eines Nicht-Hochgeborenen wert sein kann: nämlich meistens nichts.

Beim Leser bleiben Gewalt und Verzweiflung des Publius im Kopf hängen, genauso wie die trostlosen Bilder und die erschreckend detaillierten Auseinandersetzungen auf Leben und Tod, die sich nicht in den sonst oft üblichen Massenschlachten mit gesichtslosen Opfern verlieren, sondern in der Regel Kämpfe eins gegen eins sind, oft mit improvisierten Waffen oder gar bloßen Händen geführt. Der extreme Minimalismus der Zeichnungen unterstreicht dabei die Gegenstandslosigkeit des ärmeren Teils der einfachen antiken Bevölkerung. Selbst Senatoren und Generäle werden nicht im überbordenden Luxus schwelgend portraitiert. Das entscheidende Distinktionsmerkmal ist hier vielmehr die sparsam eingesetzte, aber dann wohlformulierte, teils geradezu edel wirkende Sprache, die mit großer Sorgfalt auch alle Neologismen meidet und der man deshalb ihre vermeintliche Authentizität umso eher abnimmt. Bei alldem sollte man allerdings nicht vergessen, dass der Künstler hier einen sehr freien Zugang zur Darstellung gewählt hat. An mehreren Stellen fällt auf, dass oft (oder gar immer?) künstlerische Freiheit vor historische Genauigkeit gestellt wurde. Das ist aber auch gut so. Bis auf die sehr lose Anbindung an einen der Caesar-Mörder ist Peplum definitiv kein Historien-Roman, sondern ein Versuch, die menschliche Existenz im Sturm des Lebens zu beleuchten.

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